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NAGELNEUER OLDTIMER Liebhaber können sich bei Mercedes ein besonderes Gefährt kaufen: den fahrbereiten Nachbau des Benz-Motorwagens. Er war das erste Automobil der Welt, und man fährt ihn am besten stilecht – mit Gehrock und weißen Handschuhen. Der Stern hat einen Besitzer besucht. Ian hat Zahnlücken, Ohrringe und eine Irokesenbürste, die in einem grauen Kreativ-Zöpfchen ausläuft. Am Wochenende steht er bei den Heimspielen von Manchester United in der Nordkurve. Go ManU, go! Während der Woche steht er im mittelenglischen Elland an der Drehbank. Dort stellt „Brom", wie seine Freunde ihn nennen, Dreiräder her. Brom, ein begeisterter Motorradfahrer, ist Spezialist für Dreiräder. Vor einem Jahr hatte er in seiner Freizeit ein Töfftöff dieser leicht besonderlichen Art gebastelt, und das hat ihm zu seinem heutigen Job verholfen. Doch die Gefährte, die er heute mit zwei Duzend Kollegen zusammenfräst, -schweißt und –schraubt, sind kein Eigenbau, sondern Dreiräder einer ganz besonderen Art: naturgetreue Nachbauten des Patent-Motorwagens, mit dem Karl Benz 1886 die Ära des Automobils eröffnete. Rund 100 Repliken des ersten echten Autos hat Mercedes-Benz bei der Firma John Bentley – die nichts mit dem Hersteller der Edelkarossen gleichen Namens zu tun hat – in Auftrag gegeben. Das Unternehmen hat Erfahrung mit Oldtimern im Allgemeinen und Mercedes-Fossilien im Besonderen. Seit Mitte der 80er Jahre werden hier per Hand frühe Automobile nachgebaut, und vor ein paar Jahren war auch schon einmal die Kopie des Benzschen Vehikels dabei. „Na ja, ganz exakt war diese Nachbildung nicht", sagt Josef Ernst vom Mercedes-Benz Classic Center. „Die Jungs haben damals nur nach Fotos gearbeitet, und da hat sich schon der eine oder andere Fehler eingeschlichen." So sei etwa das damalige Gefährt fast 20 Zentimeter zu hoch geraten und dunkelgrün lackiert gewesen, während das Original von Benz in dezentem Schwarz gehalten war. Diesmal aber habe man den Urtyp, der im Deutschen Museum in München steht, genau vermessen, und so glichen ihm die Repliken von heute „zu 99,9 %". Und der winzige Rest, der anders ist? Die Vollgummireifen damals hätten einen eckigen Durchschnitt gehabt, so Mercedes-Ingenieur Gert Straub, heute hätten sie ein rundes Profil. Die Zündkerze sei ein modernes Modell, und den ledernen Triebriemen, der anstelle einer Kardanwelle die Kraft vom Motor auf die Räder bringe, habe man mit Keflar verstärkt, damit er sich nicht dehne und durchrutsche. „Verdammt noch mal", stöhn Ian, „wenn das Ding nur einen Anlasser hätte!" Zu viert versuchen er und seine Kollegen in der Werkshalle, die 0,75-PS-Maschine einer eben fertiggestellten Replik zum Laufen zu bringen. Der Original-Viertaktmotor von Karl Benz ist ein schön anzuschauendes Gesamtkunstwerk aus blitzenden Messingkesseln und Kupferrohren, großdimensionierten Schaugläsern – und zahlreichen Tücken. Der Ur-Benz wird mit einem Schwungrad angelassen. Derjenige, der die Maschine zum Laufen bringen will, muss höllisch aufpassen. Denn wenn sie nicht anspringt, schlägt das Rad zurück, und wehe dem, der dann die Finger zwischen die Metallspeichen bringt. Außerdem sind Außentemperatur und Luftfeuchtigkeit zu beachten, falls der Start glücken soll. Hilfreich beim Losfahren ist es auch, den Wasserkühler mittels eines Haartrockners auf die Betriebstemperatur zu bringen. Die Tatsache, dass die Motorkutsche mit den drei Rädern und der Lenkstange, die eher einer Ruderpinne als einem Steuer gleicht, nicht mit unserem herkömmlichen Benzin, sondern nur mit Hexan (Leichtbenzin) lostuckert, überrascht da kaum mehr. Bei ihren historischen Ausfahrten tankte die Familie Benz in Apotheken nach. Wenn der Motor erst einmal mit sanftem Patsch! Patsch! läuft und der Automobilist atemberaubende 500 Umdrehungen pro Minute und über 18 Stundenkilometer aus ihm herauskitzelt, kann er 20 Minuten am Stück durch die Lande brausen. Dann ist das Kühlwasser verdampft und muss nachgefüllt werden. Er sollte allerdings bergiges Gelände möglichst meiden. „Woischt, der Krippl goht net nuff uff den Hügl", sagt Manfred Wirth im württembergischen Pleidelsheim. Der ehemalige Baggerführer und Tiefbau-Unternehmer hat als einer der Ersten die Benz-Replik gekauft und ist fest entschlossen, seinen Neuerwerb bis zur Neige auszukosten. Eigentlich sahen die Herren vom Mercedes-Benz Classic Center ihren Oldtimer eher als Schmuckstück in Daimler-Vertretungen oder bei betuchten Sammlern stehen. Doch der 61-jährige Wirth möchte damit vor allem eins: fahren. Und das ist bergauf schwierig. Denn da rutsche der Transmissionsriemen trotz des Keflars durch. „Und dann hängscht!" Wirth überlegt sich jetzt, das schlaffe Ding durch einen Drehmaschinen-Riemen mit Querrillen zu ersetzen oder während der Bergfahrt flüssiges Wachs auf die Antriebswalze zu sprühen, damit der Riemen besser haftet. Doch vom Bergproblem mal abgesehen, kommt Wirth mit dem „Maschinle" und seinen 350 Einzelteilen glänzend klar. Was, die Jungs in England haben Probleme mit dem Start? Kein Wunder, meint Wirth mit leiser Geringschätzung, die gingen wahrscheinlich nach der ziemlich dicken Gebrauchsanweisung vor, die Mercedes mitliefere. „Aber fürs Anlassen kannscht des Büchle vergesse." Dort steht, am Luftregler für den Vergaser habe man beim Start nur ein Loch zu öffnen. Von wegen, „sechs Löcher müssets sei". Dann schnurre der Benz beim ersten Schwungraddreher los. Sogar ein „Enkele Cora", ein 13-jähriges Schulmädchen, könne den Oldtimer bei richtiger Lochzahl auf Anhieb zum Laufen bringen. Für ihn selbst sei es leider schwieriger. Denn dort, wo andere Menschen ein Schultergelenk haben, hat Wirth ein künstliches Scharnier an einer Stahlplatte. Ein Unfall beim Baggern, bei dem ein zentnerschwerer Randstein außer Kontrolle geriet und ihm die Schulter zerschmetterte. Zwar habe er noch bis vor vier Jahren beim lokalen Athletikklub im Weltergewicht gerungen. Doch den plötzlichen Ruck beim Anwerfen des Schwungrads mache seine eiserne Prothese nur ungern mit. Dann aber schafft Wirth es doch, und leise blubbernd und vibrierend steht das Dreirad zur Ausfahrt bereit. Leider regnet es zu heftig, und so muss es in der Garage bleiben. Die ist eine ehemalige Tabakscheune. Wirth hat sie zu einem privaten Motorradmuseum umgebaut, in dem neben Zweirädern aller Epochen – von einer Wehrmachts-BMW des Afrikakorps bis zum 250er Heinkel-Nachkriegsroller – auch ein paar ehrenwürdige Automobile stehen. Etwa der Rolls-Royce des Königs von Nepal oder die Konkurrenzkutsche zum Benz-Gefährt, die den Schwaben Gottlieb Daimler im selben Jahr 1886 zum Parallel-Erfinder des Autos machte. Anders als der Benzsche Oldtimer ist das Daimler-Gefährt keine Replik. Es ist das originale Schwesterstück zu der Kutsche, in die der Erfinder aus Cannstatt einen Ottomotor einbaute. Wirth eiferte Daimler nach und bestückte sein Modell mit einem „Vespa-Motörle". Dieses moderne Tuning machte sein Fahrzeug zwar nicht ganz stilecht, aber extrem zuverlässig. „Damit bin ich scho 120 Kilometer am Stück g’fahre." Mit den Herren von Mercedes ist Wirth sich einig, dass das Dreirad von Benz die fortgeschrittenere Erfindung war. Der Benz habe den Motor voll in sein Fahrzeug integriert, der Daimler dagegen einfach eine Kutsche genommen und einen Motor reingehängt. Deshalb will Wirth bei seinem Benz einen Stilbruch wie bei seinem Daimler mit dem Vespa-Motor nicht noch einmal begehen. Hier muss alles stimmig und originalgetreu bleiben. Da haben doch die englischen Schlingel zur Befestigung der Sitzbank Schrauben benutzt. Noch dazu mit einem Kreuzschlitz! Mit einem Kreuzschlitz heilig’s Blechle! „Damals hat man dafür Nieten hergenommen." Er wird das in Kürze ändern. Doch wie der Daimler soll auch sein Neuerwerb nicht in der Tabakscheune Staub ansetzen. Hinaus muss er in das feindliche Auto-Leben. Eine Ausfahrt über 55 Kilometer haben er und Enkeltochter Cora schon geschafft. So weit ist Karl Benz mit seinem Prototyp nie gekommen. Bisher hat niemand Anstoß daran genommen, dass Cora am Lenkhebel saß oder der Oldtimer ohne dem Segen des TÜV am öffentlichen Straßenverkehr teilnahm. Im Gegenteil. Wirth: „Vor kurzem ham mir in Großingersheim bei Rot an der Ampel g’halte. Da isch ein Streifenwagen vorbeikomme. Die Beamten ham über Lautsprecher aus dem Auto g’rufe,Vor hundert Jahren hat es noch keine Ampeln gegeben. Fahren sie weiter, Herr Wirth!’" Mit Blaulicht wurden wir über die Kreuzung geleitet.